Gastbeitrag: Dürfen Eltern das?

Gastbeitrag: Dürfen Eltern das?

Dürfen Eltern das?
Ein Gastbeitrag von Sina Fricke, Erziehungspoesie

Als großer Fan von Alfie Kohn und Jesper Juul bin ich mir bei einer Sache im Zusammenhang mit Kindererziehung ganz sicher, egal wie hart diese klingen mag: Wer seine Kinder bestraft, liebt sie nicht (bedingungslos).

Nur das Beste für das Kind
„Wow, wie kann sie so etwas behaupten? Eltern, die ihre Kinder für ihr Fehlverhalten bestrafen, würden ihre Kinder nicht lieben? Aber Kinder brauchen doch Führung! Strenge! Konsequenzen!
Eltern sind doch dafür da, Kinder zu erziehen und damit eben auch zu bestrafen, wenn sie etwas ‚Verbotenes‘ tun. Nein, nein – das ist blanker Unsinn. Es ist doch gerade erst der Ausdruck von Liebe, dass Eltern ihre Kinder maßregeln. Würden sie ihre Kinder nicht lieben, dann kümmerte es sie nicht, was diese so treiben. Wer liebt, der bestraft. So ist es doch eigentlich.“

Ja, auf diese Argumentationsketten trifft man sehr häufig, wenn man sich als bindungsorientierte Mama (oder Papa) outet und sich eben gegen Strafen, Lob, Zwang und ähnliche haarsträubende Methoden der Erziehung ausspricht. Mir ist auch vollkommen bewusst, woher diese Gedanken der vielen Menschen (keineswegs ausschließlich von anderen Eltern!) kommen. In meinem Artikel zur schwarzen Pädagogik habe ich mich genau damit beschäftigt. Warum wir als Gesellschaft immer noch so stark von einem negativen Kinderbild und, damit verbunden, gewaltvollen Erziehungsmethoden beeinflusst werden. Aber einen Punkt möchte ich dann diesen Personen immer gerne nochmal aufzeigen. Einen, den sie in ihrer Argumentation gerne vergessen oder einfach umdrehen.

„Natürlich können wir uns als Eltern darauf berufen, dass wir das Beste für unser Kind möchten und es über alles lieben.“

Natürlich können wir uns als Eltern darauf berufen, dass wir das Beste für unser Kind möchten und es über alles lieben. Schließlich erklären wir es unserem Kind nach einer Strafmaßnahme ja auch jedes Mal. Das Kind weiß doch, dass Mama es lieb hat. Aber, was ist, wenn unsere Taten eigentlich etwas ganz anderes sagen? Was ist, wenn unsere Handlungen an unserem Kind eigentlich gewaltvoll sind und eben gar kein Ausdruck von Liebe? Ist das dann okay? Dürfen Eltern das? Trotzdem?

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„Es ist dabei völlig egal, aus welchem Grund diese erfolgt – es bleibt immer eine gewaltvolle Handlung.“

Gewalt bleibt Gewalt
Gewalt ist ein Begriff, bei dem viele Menschen zurückschrecken und behaupten: „Nee, das ist aber doch keine Gewalt!“ Der Klaps auf den Po oder Hinterkopf, die dreiminütige Auszeit im
Kinderzimmer, das Ignorieren des Kindes, das zwanghafte Entschuldigung-Einfordern, die schlechten Worte über das Kind in seiner Anwesenheit, das Lautwerden und Anschreien,die
Beleidigungen und Abwertungen des Kindes, das Hauen auf die Finger, das Wickeln oder Anziehen oder Zähneputzen unter maximalen Zwang. All das ist Gewalt am Kind. Es ist dabei völlig egal, aus welchem Grund diese erfolgt – es bleibt immer eine gewaltvolle Handlung. Gewalt kann psychisch und physisch angewandt werden – es bleibt Gewalt. Eltern können sich dafür entschuldigen, dem Kind die Liebe beteuern oder sich vor anderen dafür rechtfertigen. Gewalt bleibt Gewalt. Und da wo gewaltvolles Handeln stattfindet, da ist der Raum mit dieser erfüllt. Es ist kein Platz mehr für etwas anderes. Es existiert in diesem Raum keine Liebe mehr.

„Darf ich so mit meinem Kind umgehen, auch wenn ich mir für mich selbst etwas anderes wünschen würde?“

Die Frage, die wir uns daher im Umgang mit unseren Kindern immer wieder stellen sollten, lautet ganz einfach: Dürfen wir das?
Darf ich so mit meinem Kind umgehen, auch wenn ich mir für mich selbst etwas anderes wünschen würde? Würde ich so mit meinem Partner umgehen? Verhalte ich mich gerade nur so, weil es ja ‚bloß ein Kind‘ ist? Alleine mit diesen Fragen, ehrlich und selbstkritisch beantwortet, können wir als Eltern einen großen Schritt raus aus einer Negativspirale der Kindererziehung machen. Denn ich bin mir sicher, die meisten werden diese Fragen mit ‚Nein‘ beantworten.

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Und um meine eingangs gestellte Frage zu beantworten, ob ‚Eltern das dürfen‘: ich sage ganz klar Nein. Auch Eltern sollten, müssen (!), an einer gewaltlosen Kindererziehung arbeiten. Nicht ohne
Grund ist dies ein Grundrecht von Kindern und seit 25 Jahren im Bundesverfassungsgesetz
festgeschrieben. Und für alle Eltern, die ihre Form von Gewalt nicht als Gewalt ansehen, habe ich es nochmal anders formuliert. Wer seine Kinder bestraft, liebt sie nicht (bedingungslos).

„Die Liebe ist und bleibt bedingungslos, mit leider nicht immer positiven, weitreichenden Folgen für sie.“

Kinder lieben (leider) immer bedingungslos
Denn wer seine Kinder für ihr falsches (aus Erwachsenensicht) Verhalten bestraft, sendet diesen immer eine ganz andere Botschaft, als er denkt. Bestrafe ich mein Kind für das Hauen der Schwester und schicke es dann alleine in sein Kinderzimmer, bis es sich beruhigt hat, dann lernt mein Kind nur eines: „Mama hat mich nur lieb, wenn ich mich so und so verhalte.“ Und im zweiten Schritt wird daraus für Kinder: „Ich werde nicht geliebt, so wie ich bin. Ich bin also nicht richtig.“
Im Gegensatz zu uns Eltern lieben Kinder uns nämlich (leider muss man fast sagen) immer
bedingungslos. Leider geht dies auf ihre eigenen Kosten. Denn Kinder wägen nicht bewusst ab, ob Mama und Papa liebenswert sind oder sich pädagogisch wertvoll verhalten. Sie lieben ihre Eltern vom Zeitpunkt ihrer Geburt an, egal ob diese arm oder reich, Akademiker oder ohne Schulabschluss, gewaltsam oder nicht sind. Die Liebe ist und bleibt bedingungslos, mit leider nicht immer positiven, weitreichenden Folgen für sie. Daher ist es umso wichtiger, sich für Kinder und eine gewaltlose Kindererziehung einzusetzen.

Das funktioniert ja auch!
Anstatt also unseren Kindern unsere bedingungslose Liebe zu verwehren und uns hinter einer antiquierten autoritären, gewaltsamen Kindererziehung zu verstecken, sollten wir etwas anderes ausprobieren. Etwas, das voller Liebe ist und gerade deshalb so gut funktioniert. Hier meine drei Tipps für eine liebevolle Kindererziehung auf Augenhöhe, die keine Strafen braucht um zu funktionieren:

  1. Über Kinder positiv denken: Viele Eltern scheitern in einer gewaltfreien, liebevollen
    Kindererziehung, weil sie ein falsches Bild von ihren Kindern im Kopf haben. Bevor wir
    überhaupt in Liebe handeln können, müssen wir Liebe zu unserem Leitgedanken machen.
    Ich kann ganz anders mit meinem Kind Konflikte lösen, wenn ich denke „Mein Kind tut dies gerade für sich, nicht gegen mich“ anstatt „Mein Kind manipuliert mich“. Die Kraft der
    Gedanken ist immens!
  2. Mit Kindern reden: Lauscht man Eltern im ‚Gespräch‘ mit ihren Kindern, dann könnte man
    oft meinen, da spricht ein Vorgesetzter mit seinen Angestellten. Warum? Weil Eltern sich
    gerne in Anweisungen, Appellen und Aufforderungen verlieren anstatt wirklich ins Gespräch zu gehen. Versuch doch beim nächsten Mal dein Kind zu fragen, was ihr zum Abendessen kochen könntet oder es spielerisch in deinen Wunsch nach einem aufgeräumten Wohnzimmer zu verwickeln. Wer weiß, was für tolle Ideen deine Kinder dazu haben?
    Schließlich finden wir es ja auch viel netter, wenn uns jemand aktiv einbindet und zuhört, anstatt uns nur Befehle zu erteilen.
  3. Für Kinder eintreten: Es gibt im Alltag leider unzählige Situationen, die überhaupt nicht
    kinderfreundlich sind und damit genauso viele Möglichkeiten für dich, für deine Kinder
    einzutreten. Euer Kinderarzt spricht während der Behandlung nur mit euch Eltern, nicht mit eurem Kind? Übernimm du diese Rolle und erkläre deinem Kind was passiert. Dein Kind ist ungeduldig beim Einkauf und die ersten Kommentare fremder Menschen prasseln auf euch ein? Erkläre (mehr für dich und dein Kind), dass es nur verständlich ist, dass seine Geduld nun langsam erschöpft ist und ihr gleich fertig seid. Damit zeigst du deinem Kind, dass du auf seiner Seite bist, es immer bedingungslos liebst und dich für es einsetzt.

Es bedarf nur einiger, kleiner Schritte, um sich auf den Weg einer gewaltlosen Kindererziehung auf Augenhöhe zu begeben. Du musst nur den ersten Schritt machen.

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Über die Autorin:

Sina_Fricke_von_Erziehungspoesie

Sina Fricke
Sozialwissenschaftlerin, Gründerin von Erziehungspoesie
Als Sozialwissenschaftlerin beleuchte ich Erziehungsprobleme von einem wissenschaftlichen Standpunkt und biete dir neue Ideen und Anregungen für eine Kindererziehung auf Augenhöhe. Mehr Informationen findest du auf meinem Blog
www.erziehungspoesie.de, bei Facebook unter Erziehungspoesie sowie bei Instagram Erziehungspoesie.

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