Beziehung statt Erziehung – 3 Blogger im Interview (Teil 1)

Beziehung statt Erziehung – 3 Blogger im Interview (Teil 1)

Jenniffer vom Blog „Berufung Mami“ ist selbst den Weg von der Erziehung in die Beziehung gegangen. Geplant war es anders. Bevor sie schwanger wurde, sagte sie sogar einmal, dass sie sicherlich eine strenge Mutter werden würde. Heute sind sie und ihre Kinder ein Team, sie leben bindungs- und bedürfnisorientiert und weitestgehend harmonisch. 😉 

In unserem Interview berichtet sie von ihrem Weg in die Beziehung zu ihren Kindern, von ihrer eigenen Kindheit, wann es bei ihr „klick“ gemacht hat und wie sie auf Eltern reagiert, die eindeutig erziehen.



Wie war deine Kindheit / wie hast du sie in Erinnerung?

,, Meine Eltern waren die Subjekte, mein Bruder und ich sozusagen Objekte.“

Ich bin autoritär erzogen worden, das heißt, bei uns gab es eine Objekt-Subjekt-Erziehung. Meine Eltern waren die Subjekte, mein Bruder und ich sozusagen Objekte, die die Eltern formen mussten, damit sie in der Gesellschaft zurechtkommen. Es gab viele Regeln, Strafen und Auszeiten und Gehorsam wurde erwartet. 

Einige Anekdoten aus meiner Kindheit:

Ich hatte Klavierunterricht, was mir eigentlich gefiel, doch die Erwartungen und der Druck waren zu hoch, so dass mir der Spaß an diesem schönen Instrument verloren ging. Montags hatte ich Klavierstunde, samstags musste ich meine „Hausaufgaben“ zu Hause vortragen. Ich musste das Stück 3x vorspielen, wenn ich einen Fehler machte, weitere drei Male, auch wenn es am Ende des dritten Vorspielens passierte. Ich habe meiner Mutter dafür später große Vorwürfe gemacht, bis sie mir die Geschichte erzählte, die sie selbst erlebt hatte. Auch sie musste als Kind meinem Großvater vorspielen. Mit der gleichen Methode ging er vor, nur dass meine Mutter 10 Mal vorspielen musste. Sie schwor sich damals, dass sie das mit ihren eigenen Kindern nie machen wird. 😉 

Mich bestätigt das wieder in der Annahme, dass wir unbewusst die Erziehung an unsere eigenen Kinder weitergeben, die wir selbst erlebt haben. Auch ich erkenne mich immer mal wieder in meinen eigenen Eltern wider, wenn ich mit meinen Kindern spreche oder mit ihnen schimpfe. 

,,…deswegen hinterfrage ich mein Verhalten ständig.“

Der Weg von der Erziehung zur Beziehung ist ein steiniger Weg, auf dem man immer wieder die Möglichkeit hat, den Weg zurück zur Erziehung zu gehen, wenn er sich vor einem auftut. Ich habe jedoch den Entschluss gefasst, dass ich mit meinen Kindern in Beziehung sein möchte. Dass ich sie nicht als Objekte behandele, deswegen hinterfrage ich mein Verhalten ständig. Und wenn nötig entschuldige ich mich auch bei meinen Kindern. Wir sind keine Computer, auch wir Eltern machen Fehler und sind nicht frei von Fehl. Das ist in Ordnung und verständlich. 

Die eigene erlebte Kindheit zu hinterfragen und aufzuarbeiten ist schon die halbe Miete. 

Inwiefern hat dich deine Kindheit geprägt? 

Ich bin heute ein Mensch, der höchste Perfektion von sich selbst abverlangt. Das hat ganz sicher mit meiner Erziehung zu tun. Mein Mann sagt manchmal, ich habe einen „Stock im A…“ 😉 Ich schmunzele dann meist, denn oft hat er recht. Auch bin ich sehr kritisch mit mir selbst, was vielleicht mit folgendem Erlebnis aus meiner Kindheit zusammenhängt:

Meine Mutter ist Journalistin. Wenn ich ihr einen Deutsch-Aufsatz zum Lesen gegeben habe, kam er in den meisten Fällen komplett rot markiert wieder zu mir zurück. Sie meinte es gut, das weiß ich heute, doch was bedeutet das für das Selbstvertrauen eines Kindes!? 

Wie ist das Verhältnis zu deinen Eltern heute? 

,,Diese Gefühle dann anzunehmen und sie zu fühlen ist vermutlich die größte Herausforderung.“

Heute habe ich zu meinen Eltern ein gutes Verhältnis, um nicht zu sagen, ein sehr gutes Verhältnis. Ich habe in den letzten 40 Jahren viel Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen. Ich habe viele viele Tränen geweint, und ich glaube, ich bin immer noch nicht am Ende angelangt. Ich dachte, ich wäre fertig, doch als meine Kinder auf die Welt kamen, wurde mir erst bewusst, dass ich einen Großteil meiner Kindheit noch gar nicht aufarbeiten konnte, und dass das nun geschehen muss. Ich stehe immer mit offenem Mund da, wenn meine Kinder (besonders der 4-jährige) meine Knöpfe drücken und ich merke, wie viel Heilung in mir noch stattfinden darf. 

Diese Gefühle dann anzunehmen und sie zu fühlen ist vermutlich die größte Herausforderung. Dann nicht in Erziehung, Drohen und Strafen zu verfallen, ist die nächste Hürde. 

Wann hat es bei dir „Klick“ gemacht? 

,,Nein, ich wollte, dass wir ein Team werden.“

Bevor ich mit meinem Mann Kinder bekam, sagte ich immer zu ihm: „Ich werde mal eine strenge Mutter sein.“ Und dann kam unser erster gemeinsamer Sohn auf die Welt, 6 Wochen zu früh. Er sah in dem Kasten, in dem er lag, aus wie ein Vöglein, das gerade aus dem Nest gefallen war. Schon die ersten Wochen seines Lebens haben mich und meine Einstellung komplett verändert. Ich wusste ja vorher nicht, was es bedeutet, seinem eigenen Fleisch und Blut in die Augen zu sehen und sich unsterblich zu verlieben. Gefühle, die ich in meinen schönsten Träumen nicht für möglich gehalten hatte. Die Vorstellung, mit diesem Würmchen zu schimpfen, ihn alleine auf sein Zimmer zu schicken, ihm Verbote auszusprechen, weil er nicht macht, was ich sage… unvorstellbar. 

Nein, ich wollte, dass wir ein Team werden. Mir wurde klar, dass diese Seele, die da auf die Welt gekommen ist, kein unbeschriebenes Blatt ist, das ich erst beschriften muss. Er bringt schon so viel mit: Eigene Lernaufgaben, die er sich für dieses Leben ausgesucht hat, seinen Lebensplan. Wer bin ich, dass ich ihn formen darf, wie ICH meine, es sei richtig für ihn?! 

Und was die Gesellschaft denkt, naja, ehrlicherweise ist mir das ziemlich schnuppe. 

Wie fühlst du dich, wenn du Situationen mitbekommst, in denen Eltern ihre Kinder eindeutig erziehen? Schreitest du ein? 

,,Wenn man so in seiner Bedürfnis-Bindungs-orientiert-Bubble lebt, denkt man manchmal, dass alle Eltern sind wie man selbst.“

Wenn man so in seiner Bedürfnis-Bindungs-orientiert-Bubble lebt, denkt man manchmal, dass alle Eltern sind wie man selbst. Dass dem nicht so ist, zeigt sich mir immer wieder auf Spielplätzen oder anderen Orten, wo sich Kinder mit ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen befinden. Da begegnen einem unterschiedliche Themen. Viele Eltern verlangen von ihren Kindern beispielsweise, dass sie ihre Spielsachen mit anderen Kindern teilen. Ich tue das nicht. Wenn mein Kind nicht teilen mag, ist das ok. Sein Spielzeug – seine Entscheidung. Was mir auch immer wieder begegnet, ist der Satz: „wenn du jetzt nicht kommst, dann…“ und es folgt eine Konsequenz bis hin zu Strafen. Oder die Eltern gehen einfach, bis das Kind sie nicht mehr sehen kann -> Konfrontation mit Trennung. Nie eine gute Idee, mit den Verlassensängsten der Kinder zu spielen. Ich denke, viele Eltern wissen nicht, was Trennung in ihren Kindern auslöst. Diejenigen können sich gerne mein kostenfreies E-Paper „Mama, bleib bei mir – Was du unbedingt über Trennung wissen musst“ herunterladen. 

Wenn ich manche Situationen miterlebe, fühle ich mich richtig schwer. In mir zieht sich dann alles zusammen. Das sind jedoch eher die Alarmglocken der kleinen Jenniffer und meiner eigenen Erziehung, die da hochkommen. Neulich war ich kurz davor das Weinen anzufangen. Es ist nicht einfach. Einschreiten würde ich dennoch nur, wenn ein Kind tatsächlich misshandelt wird, direkt vor meinen Augen. Wobei sich seelischer Missbrauch von körperlichem Missbrauch nicht unterscheidet, außer, dass man die Narben auf der Seele nicht sehen kann. Was es vielleicht sogar noch schlimmer macht. Es ist nicht einfach, diese Frage zu beantworten. Ich würde sagen, ich handle intuitiv und situationsbedingt. 

Was wünschst du dir für die Zukunft für die Familien?

Ich wünsche mir vor allem, dass Kinder wieder Kinder sein dürfen. In unserer Gesellschaft ist es leider normal geworden, dass Kinder den ganzen Tag „weggesperrt“ sind, dass man keine Kinder mehr auf den Straßen sieht. Entsprechend fällt ein Kind, das mal ein wenig lauter ist, gar wütet, schreit oder weint, gleich (negativ) auf. Wir neigen dazu, aus ihnen kleine (angepasste) Erwachsene machen zu wollen, doch schon alleine aufgrund ihrer noch nicht vollendeten Gehirnentwicklung ist das nicht möglich. Kleine Kinder werden immer impulsive, laute, eigensinnige Wesen sein, deren Welt sich einzig und alleine um sich selbst dreht. 

,,Denn Mutter und Vater sind in den ersten Jahren die wichtigsten Bezugspersonen.“

Ich wünsche mir, dass Familien wieder die Chance gegeben wird, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Denn Mutter und Vater sind in den ersten Jahren die wichtigsten Bezugspersonen. In einer Zeit, in der unsere Kinder mit einem Jahr in die Kinderkrippe gehen, sie dem Mutterschoß in jüngstem Alter entrissen werden, ist es doppelt wichtig, darauf hinzuweisen, wie unersetzlich die Eltern sind.

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Das war der erste Teil unserer Interview- Reihe von der lieben Jenniffer.
Im zweiten Teil interviewt Jenniffer die liebe Mel von kleinermensch.net.
Klicke hier für das dritte und letzte Interview. Hier beantworte ich die Fragen, die Mel mir gestellt hat.

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